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Endlich besser schlafen. Sind Schlafmedikamente die Lösung?

Auch wenn die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (KVT-I) die von offiziellen Leitlinien empfohlene Therapie darstellt, werden noch immer hauptsächlich verschreibungspflichtige Medikamente eingesetzt. “Schlaftabletten” sind jedoch meist nur eine kurzfristige Lösung.

Das, was die Schlaflosigkeit aufrechterhält, wird bei der Einnahme von Medikamenten nicht aktiv angegangen, sondern es werden lediglich die Symptome bekämpft und abgemildert. Schlafmedikamente können also keinen natürlichen Schlaf wiederherstellen. Wir möchten dir in diesem Artikel einen Überblick geben, welche Schlafmedikamente in Deutschland Anwendung finden, wie sie wirken und wann sie eingesetzt werden können.

Für die Behandlung von chronischen Ein- und Durchschlafstörungen, bzw. Insomnie, gibt es verschiedene Klassen an Medikamenten, von denen die meisten verschreibungspflichtig sind. Aber auch freiverkäufliche Produkte haben über die Zeit hinweg zugenommen und werden vermehrt in Apotheken und Supermärkten angeboten.

Jedes Medikament bringt dabei seine eigenen Vor- und Nachteile mit sich. Bei den verschreibungspflichtigen Schlafmedikamenten handelt es sich hauptsächlich um sogenannte Hypnotika. Als Hypnotika bezeichnet man Medikamente, die als schlaferzeugend oder schlaffördernd gelten.

Kann man also den Schlaf und Tiefschlaf mit verschreibungspflichtigen Medikamenten verbessern?

Besser schlafen mit Medikamenten?

Benzodiazepine und Benzodiazepinrezeptoragonisten (BZDRA)

Benzodiazepine und Benzodiazepinrezeptoragonisten (BZDRA) gehören zu den wichtigsten Hypnotika. Sie binden an den GABA-Rezeptor, der zur Beruhigung des Nervensystems beiträgt. Unter dem GABA-Rezeptor versteht man den sogenannten „Gamma-Amino-Buttersäure-Rezeptor“.

Wenn die Wirkstoffe des Medikaments an den Rezeptor binden, verstärken sie dessen beruhigende Wirkung auf das Nervensystem, wodurch der Schlaf gefördert wird [1].

Aufgrund der beruhigenden Wirkung werden sie auch als “Tranquilizer”, also Beruhigungsmittel, bezeichnet. Benzodiazepine (z.B. Temazepam, Flurazepam, Nitrazepam, Clonazepam, Diazepam) und BZDRAs (Zolpidem, Zopiclon) sind für die Kurzzeitbehandlung (3-4 Wochen) von Schlafstörungen zugelassen.

Sie reduzieren die Einschlafzeit sowie die nächtliche Wachzeit und erhöhen die Gesamtschlafzeit um 30-60 min [2], gleichzeitig verringert sich jedoch der Anteil des REM-Schlafes (sogenannter “Traumschlaf”). Das größte Problem der Benzodiazepine und BZDRAs ist, dass sich schon nach wenigen Wochen eine Toleranz entwickelt, wodurch immer höhere Dosierungen des Medikamentes notwendig sind, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Dies kann zu einer Abhängigkeit von diesen Schlafmedikamenten führen. Bei nicht empfohlener und nicht geeigneter Langzeittherapie mit solchen Mitteln kann es zu Einschränkungen in der Reaktionsfähigkeit sowie der geistigen Leistungsfähigkeit kommen. Bei älteren Menschen kann sich außerdem die Sturzgefahr im Alltag erhöhen.

Da Benzodiazepine sehr lange im Körper bleiben und nur langsam abgebaut werden, wirken sie dementsprechend über die Nacht hinaus. Man kann sich also tagsüber müde, schlapp und wie betäubt fühlen [3]. In Deutschland sind etwa 1 Million Menschen abhängig von Benzodiazepinen [4].

Sedierende Antidepressiva

Sedierende Antidepressiva haben sich als pharmazeutische Behandlungsmöglichkeit von chronischen Ein- und Durchschlafstörungen etabliert. “Sedierend” bedeutet so viel wie “ruhigstellend”.

Zu den sedierenden Antidepressiva gehören z.B. Trazodon, Doxepin, Amitriptylin, Agomelatin, Mirtazapin und Trimipramin. Überwiegend wirken sedierende Antidepressiva über den Histamin-H1-Rezeptor, welcher an der Schlaf-Wach-Regulation beteiligt ist, teilweise aber auch durch eine anticholinerge Wirkung (d.h. durch eine hemmende Wirkung auf den Neurotransmitter Acetylcholin).

Dieser spielt für die Steuerung von Aufmerksamkeit und Erregbarkeit des Gehirns während des Schlafs eine entscheidende Rolle). Manche Medikamente aus der Gruppe der sedierenden Antidepressiva zeigen eine Verlängerung des Tiefschlafs und eine Verkürzung der Einschlafdauer (z.B. Trazodone und Mirtazapin), aber auch eine Reduzierung des REM-Schlafs (z.B. Amitriptylin und Doxepin).

Auch bei sedierenden Antidepressiva besteht aufgrund der meist langen Verweildauer im Körper (Halbwertszeit) das Risiko einer sedierenden Wirkung mit beeinträchtigter Wachheit und Leistungsfähigkeit am nachfolgenden Tag.

Antipsychotika wie Olanzapin

Antipsychotika mit Zulassung für die Insomnie in Deutschland sind Melperon und Pipamperon. Im Zusammenhang mit psychotischen Erkrankungen kommen aber auch Substanzen wie Quetiapin, Clozapin oder Olanzapin zum Einsatz.

Sie alle haben eine sedierende und schlafanstoßende Wirkung, indem sie, ähnlich wie sedierende Antidepressiva, unser sogenanntes “Arousalsystem” (insbesondere die Histamin-H1-Rezeptoren und Acetylcholinrezeptoren) durch antagonistische (gegenspielende) Wirkungsweise hemmen. Antipsychotika verkürzen die Einschlafdauer und verbessern das Durchschlafen.

Bei Olanzapin zeigte sich zusätzlich eine Steigerung des Tiefschlafs und des REM-Schlafs. Häufige Nebenwirkungen sind motorische und metabolische Störungen (z.B. Übergewicht, Adipositas, gesteigerte Insulinresistenz, arterielle Hypertonie), welche diese Substanzgruppe als geeignete Hypnotika in ihrer Verwendung stark eingrenzen.

Orexinrezeptorantagonisten

Orexinrezeptorantagonisten wie Daridorexant (QuivivigTM) sind seit November 2022 auch in Deutschland für Erwachsene mit Insomnie verschreibungspflichtig verfügbar.

Die recht aktuellen, zulassungsrelevanten Studien zeigen, dass Daridorexant die Einschlafdauer und die Wachzeit nach dem Einschlafen verkürzt, sowie die Gesamtschlafdauer verlängert [5].

Zu den am häufigsten berichteten Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen und Tagesschläfrigkeit. Da es sich in Deutschland um ein neues Arzneimittel handelt, unterliegt Daridorexant aktuell noch einer zusätzlichen Überwachung.

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Melatonin

Melatonin ist in Deutschland, im Gegensatz zu anderen Ländern, als Arzneimittel verschreibungspflichtig und für Erwachsene mit einem Alter > 55 Jahre mit Insomnie zugelassen. Freiverkäufliche Präparate enthalten zwar auch Melatonin, jedoch ist die enthaltene Menge darin zu gering, um tatsächlich eine positive Wirkung auf den Schlaf zu erzielen.

Melatonin wird oft auch als “das Schlafhormon” bezeichnet und sorgt dafür, dass wir gut ein- und durchschlafen können. Hintergrund hierfür ist, dass Melatonin eine sehr große Rolle bei der Erhaltung des 24-Stunden-Schlaf-Wach-Rhythmus spielt. Melatonin eignet sich daher für die Behandlung von Tag-Nacht-Rhythmusstörungen oder auch bei Jetlag.

Bei älteren Erwachsenen ist der Tag-Nacht-Rhythmus unter Umständen weniger ausgeprägt und mit geringerer, körpereigener Melatoninproduktion assoziiert. Daher kann zusätzliches Melatonin bei dieser Zielgruppe schlafinduzierend wirken.

Es sind keine unerwünschten Nebenwirkungen von Melatonin bekannt, bei Menschen mit schweren Schlafstörungen ist die Wirkung jedoch gering bzw. nicht ausreichend [3],[4].

Antihistaminika

Antihistaminika sind als Hypnotika in Deutschland überwiegend frei verkäuflich. Zu ihnen gehören die Substanzen Diphenhydramin, Doxylamin, Hydroxyzin und Promethazin, von welchen letztere (Promethazin und Hydroxyzin) aufgrund einer stärkeren hypnotischen Wirkung nur verschreibungspflichtig verfügbar sind [3].

Sie alle wirken über einen reversiblen Antagonismus an Histamin-H1-Rezeptoren sedierend und somit schlaffördernd. Antihistaminika können somit die Einschlaflatenz verkürzen und den Tiefschlaf verlängern [6], jedoch ist die Studienlage unzureichend und es liegen keine Daten für die Langzeitanwendung vor. Es wurde ein Wirkverlust nach wenigen Tagen beschrieben [7].

Phytotherapeutika

Phytotherapeutika sind frei verkäufliche Präparate auf pflanzlicher Basis, welche in Deutschland eine lange Tradition und hohe Verkaufszahlen haben. Hierzu gehören die Wirkstoffe Baldrianwurzel, Passionsblume, Melissenblätter und Hopfenzapfen.

Die Verträglichkeit von Phytopharmaka ist gut, jedoch bleiben eindeutige Wirksamkeitsnachweise so wie bestätigte Wirkungsweisen der Präparate aus [4],[8].

Fazit - Besser schlafen mit Medikamenten?

Du siehst, es gibt einige verschreibungspflichtige Präparate, welche dabei helfen sollen, besser zu schlafen oder den Tiefschlaf zu verbessern.

Diese Substanzen haben durchaus ihre Berechtigung zur Behandlung von Schlafstörungen, sind aber aufgrund von Nebenwirkungen, Abhängigkeiten und Hangover-Effekten nur für den kurzzeitigen Gebrauch empfohlen.

Da sie den natürlichen Schlaf weder kurz- noch langfristig wiederherstellen können, ist es wichtig, sich mit seinem eigenen Schlafverhalten auseinanderzusetzen.

Aus diesem Grund ist für alle Formen der Insomnie nach wie vor die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) die empfohlene Behandlungsempfehlung erster Wahl.

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Selbsttest - leidest du an einer Insomnie?

Mit unserem Selbsttest kannst du herausfinden, ob deine Schlafschwierigkeiten auf eine Insomnie hindeuten können. Durch die Beantwortung von 4 Fragen erhältst du sofort ein Ergebnis, ob bei dir gegebenenfalls der Verdacht einer Insomnie vorliegen könnte.

Dieser Selbsttest ersetzt jedoch keine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnose. Suche dir daher immer ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe, wenn du bei dir eine Insomnie vermutest.

Quellen

[1]Mendelson, W. B., Roth, T., Cassella, J., Roehrs, T., Walsh, J. K., Woods, J. H., Buysse, D. J., & Meyer, R. E. (2004). The treatment of chronic insomnia: Drug indications, chronic use and abuse liability. Summary of a 2001 New Clinical Drug Evaluation Unit Meeting Symposium. Sleep Medicine Reviews8(1), 7–17. https://doi.org/10.1016/S1087-0792(03)00042-X

[2]Riemann, D., & Perlis, M. L. (2009). The treatments of chronic insomnia: A review of benzodiazepine receptor agonists and psychological and behavioral therapies. Sleep Medicine Reviews13(3), 205–214. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2008.06.001

[3]Riemann, D., Baum, E., Cohrs, S., Crönlein, T., Hajak, G., Hertenstein, E., Klose, P., Langhorst, J., Mayer, G., Nissen, C., Pollmächer, T., Rabstein, S., Schlarb, A., Sitter, H., Weeß, H.-G., Wetter, T., & Spiegelhalder, K. (2017). S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Somnologie21(1), 2–44. https://doi.org/10.1007/s11818-016-0097-x

[4]Nissen, C., Frase, L., Hajak, G., & Wetter, T. C. (2014). Hypnotika – Stand der Forschung. Der Nervenarzt85(1), 67–76. https://doi.org/10.1007/s00115-013-3893-6

[5]Mignot, E., Mayleben, D., Fietze, I., Leger, D., Zammit, G., Bassetti, C. L. A., Pain, S., Kinter, D. S., & Roth, T. (2022). Safety and efficacy of daridorexant in patients with insomnia disorder: Results from two multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trials. The Lancet Neurology21(2), 125–139. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(21)00436-1

[6]Saitou, K., Kaneko, Y., Sugimoto, Y., Chen, Z., & Kamei, C. (1999). Slow wave sleep-inducing effects of first generation H1-antagonists. Biological and Pharmaceutical Bulletin22(10), 1079–1082. https://doi.org/10.1248/bpb.22.1079

[7]Hajak, G., & Rüther, E. (2003). Schlafstörungen. In Möller H-J, Laux G, Kapfhammer H-P (Hrsg) Psychiatrie und Psychotherapie. Springer.

[8]Leach, M. J., & Page, A. T. (2015). Herbal medicine for insomnia: A systematic review and meta-analysis. Sleep Medicine Reviews24, 1–12. https://doi.org/10.1016/j.smrv.2014.12.003

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